Improvisation im Alltag!


Alex allein in Russland | Teil 1

Das ganz alltägliche Improtheater des Lebens

Das Leben in Russland kann einen vor interessante Herausforderungen stellen, die sich so in seinem Heimatland einfach nicht ergeben hätten. Wer möchte beispielsweise in seinem Heimatland vor einer Klasse stehen und über ein Thema referieren, von dem er keine Ahnung hat? Stellt euch das jetzt noch in einer Fremdsprache vor und ihr könnt den Horror verstehen, der mich in folgender Situation erfasste. Darum habe ich mich mit Improvisation im Alltag auseinander gesetzt.

Improvisation im Alltag

Die Situation

Einer der Kurse, den ich an der Uni belege, geht es um die Psychologie der internationalen Kommunikation. Wir hatten in der Woche zuvor offenbar Texte zugeteilt bekommen, die einige lesen sollten – mein Name war Hase, ich wusste von nichts. Nachdem ich mich nach einiger Zeit in einer Gruppe eingefunden hatte, erklärt eine der Mitstudierenden in typisch russischem Schnellsprech ihr Thema

und ich bleibe fragend zurück – Davos-Kultur? Was soll das denn bitteschön sein? Warum bin ich nicht in einer der anderen Gruppen,wo ich wenigstens das Thema verstehe, um das es geht?

Was zum Teufel passiert hier gerade? Egal, annehmen!

Sei es drum, ich habe mich darauf eingelassen und jetzt ziehe ich das auch durch.

Improvisation im Alltag heißt, „Die wichtigste „Regel“ des Impro ist annehmen“. Und so sitze ich in meiner Gruppe und schaue mir an, was sie da so treiben, gelegentlich verstehe ich sogar ein paar Brocken und versuche, mitzukommen.
Die einzigen Male, dass die Gruppe mit um Input bittet, bringe ich ein paar Brocken hervor, ohne wirklich groß etwas beizutragen.

Nach etwa einer viertel Stunde ist dieses für mich peinliche hin und her auch endlich vorbei und die Gruppen sollen ihre Poster vorstellen – während des wir also unser Poster aufhängen, höre ich, wie meine Gruppe diskutiert: „ich war das Hirn der Gruppe, du warst die Künstlerin, also kann er doch vortragen.“ Moment mal, reden die etwa über mich? In mir macht sich Panik breit und das ungute Gefühl, das man hat, wenn man gleich über ein Thema einen Vortrag halten muss, von dem ich keine Ahnung habe.

„Du trägst dann gleich vor, ok?“, sagt eine der Kommilitoninnen mir. Ich stehe nur da und denke mir „What the fuck is going on?“ Gleichzeitig gibt es diese Stimme in meinem Kopf, die mir sagt „Die wichtigste „Regel“ des Impro ist annehmen“ und mir wird bewusst, wie ähnlich sich diese Situation der Improvisation im Alltag mit Lampenfieber anfühlt – wie wenn man mit leerem Kopf auf die Bühne geht und nicht weiß, was passieren wird.

Absolut sprachlos

Tanzen am Abgrund entlang

Ich nehme also all meinen Mut zusammen, stelle mich nach vorne, und stelle mich der Aufgabe, das Poster, das wir produziert haben, möglichst anschaulich zu erklären – dazu sei gesagt, dass nach 2 Wochen in Russland meine Russischskills noch nicht wirklich auf einem sicheren Fundament standen.

Und ich labere drauf los, erkläre die Symbole auf dem Poster so gut wie sich sie verstanden habe – was nicht besonders gut ist – mit russisch das so gut ist wie möglich – damals nicht sonderlich gut. Meine Gruppe dient der Orientierung und die meiste Zeit nicken sie und lächeln, also scheine ich das gar nicht so schlecht zu machen.
Ab und verziehen sie auch arg das Gesicht, aber was solls, sie waren die, die den Ausländer zum Vorstellen eines Vortrags gehalten haben.
Nach etwa 5, vielleicht auch 10 Minuten ist das ganze auf jeden Fall vorbei und ich blicke erleichtert in die Runde.Wenn da nicht die Dozentin wäre – sie stellt mehrere Fragen, die ich oft im Ansatz nicht verstehe und ich stottere kurz rum, bis endlich meine Gruppenkollegen das Wort übernehmen und die Fragen höchstwahrscheinlich kompetent beantworten.

Nach 3 Fragen ist aber auch Schluss und ich setze mich wieder auf meinen Platz, wo mir meine Gruppenkollegen versichern, dass ich gute Arbeit geleistet hätte.

Improvisation im Alltag!

Bis zu dem Zeitpunkt war ich bezüglich meines Russisch noch sehr sehr unsicher in Russland unterwegs – ich habe mich nicht getraut, meinen Mund aufzumachen und wollte mich mit meinem schlechten Russisch nicht bei meinen Kommilitonen blamieren.
Diese Situation hat mir gezeigt, dass mein Russisch doch gar nicht so schlecht ist und hat mir sehr geholfen, Selbstbewusstsein in die Richtung zu entwickeln.
Das wäre nicht möglich gewesen, hätte ich mich der Aufgabe einfach verweigert, meiner Angst stattgegeben anstatt sich ihr endlich zu stellen – „Die wichtigste „Regel“ des Impro ist annehmen“, ne?
Wer beim Improtheater lernt, frei zu denken, loszulassen, Teamwork in den Vordergrund stellt und sich darauf einlässt, der kann es auch den Rest der Zeit schaffen, besser mit unerwarteten Situationen klarzukommen, was schließlich ist das Leben wenn nicht ein riesiges 24/7 Improtheater, durch das wir uns irgendwie durchschlagen?

Improtheater spielen hat mir nicht nur Spaß bereitet, sondern auf jeden Fall dabei geholfen, mit solcherlei angsteinflößenden Situationen durch Improvisation im Alltag auch klar zu kommen, deshalb Leute: Improv your life and it’ll improve your life! Fangt am besten direkt in unserem Workshop damit an, oder kommt zur nächsten Show!

 

Alex ist Mentor der Improfabrik und seines Zeichens bunter Mensch. Während seines Aufenthalts in Russland berichtet er über seine Erlebnisse und wie ihn Impro dabei begleitet.

 

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